Stress und Leistungsdruck

In letzter Zeit bin ich oft gefragt worden: „Wenn Rückenschmerzen auf negativen Stress und Leistungsdruck zurückzuführen sind, müsste es dann nicht früher sehr viel mehr Rückenschmerzen gegeben haben, als die Lebensumstände wesentlich unsicherer waren. Aber es ist doch genau umgekehrt – wir haben es doch mit steigenden Zahlen bei den Rückenschmerzen zu tun.“

Okay, schauen wir uns die großen Abschnitte der Menschheitsgeschichte einmal grob unter dem Gesichtspunkt „Stress und Leistungsdruck“ an. Ich greife hier insbesondere auf folgende Quellen zurück:

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht

Dies soll nicht heißen, dass ich mit den Autoren in allen Punkten übereinstimme. So kann ich z.B. die Hoffnung, die Piketty in die Bildung setzt, nur bedingt teilen.

Weitere Literatur ist am Ende des Beitrages verlinkt. Kommen wir aber zunächst zu meiner Sicht der Zusammenhänge zurück. Diese kann hier leider nur kurz angerissen werden. Eine tiefergehende Darstellung würde den Rahmen eines solchen Beitrages sprengen.

Der Mensch definiert sich in seiner Auseinandersetzung mit der Natur, einmal bei der Beschaffung seiner Lebensgrundlagen wie Essen und Kleidung, zum anderen bei dem Überstehen von Naturkatastrophen.

 

Eine Zeit mit wenig Stress und Leistungsdruck – Jäger und Sammler:

Plauderei von Höhlenmenschen - kein Stress und Leistungsdruck wahrnehmbarIn der Frühzeit der Menschheit war der Mensch zwar stärker den Naturgewalten ausgesetzt (obwohl der derzeitige Klimawandel hier wieder zu einer Verstärkung der Bedrohungen führt), er war aber in seiner Gewinnung von Nahrung und Bekleidung selbstbestimmt, d.h. er konnte z.B. weiterziehen, wenn eine bestimmte Region nicht mehr genügend Wild und Pflanzen hergab und er konnte selber entscheiden, welche Tätigkeit ihm zum jeweiligen Zeitpunkt am einträglichsten erschien, er konnte Beeren sammeln, Wild jagen, Fischen, etc. Der Mensch „arbeitete“ nur wenige Stunden am Tag. Von Stress und Leistungsdruck konnte also kaum die Rede sein.

Stress und Leistungsdruck nehmen zu – Die Inbesitznahme des Bodens:

Stress und Leistungsdruck durch Unfreiheit - Sklaven in kubanischem Zuckerfeld, Von Knackstedt & Näther - Scan vom Original: Claus-Peter Enders im Team mit Bernd Schwabe im Wikipedia-Büro Hannover, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43887427Mit der Inbesitznahme von Boden änderten sich diese Bedingungen dramatisch: In der Sklavengesellschaft wurde die freie Entscheidung darüber, wie man seinen Lebensunterhalt am besten bestreiten könne, aufgehoben durch Anwendung der Gewalt der Stärkeren. Letztere mussten aber ihre Sklaven am Leben erhalten, da diese einen wesentlichen Anteil des Besitzes der Sklavenhalter bildeten.

Ähnliches galt auch für feudale Gesellschaften ohne Sklaven. Als Beispiele seien hier für Europa genannt: Leibeigenschaft, Mita, Encomienda, Schuldknechtschaft, Verdingung (von Kindern)

 

Stress und Leistungsdruck in den letzten Jahrhunderten

Mit dem Aufkommen des Geldes als allgemeinem Tauschwert und der Industrialisierung gewann der Mensch seine persönliche Freiheit zurück, allerdings musste der überwiegende Anteil der Menschheit dafür um so mehr arbeiten und wurde schon in jungen Jahren zum Beispiel im Bergbau eingesetzt, um Schächte nutzen zu können, die für ausgewachsene Menschen zu klein waren. Die Gelegenheit, seine Freiheit zu nutzen, hatte also nur ein verschwindend geringer wohlhabender Anteil der Bevölkerung, während der Rest erhöhtem Stress und Leistungsdruck ausgesetzt war.

 

Stress und Leistungsdruck in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Nachdem die Reichen 2 Weltkriege und zahlreiche kleinere geführt hatten, um sich ein noch „größeres Stück vom Kuchen“ aus Rohstoffen und Absatzmärkten einzuverleiben und dabei überall riesige Verwüstungen hinterlassen hatten, musste man die Bevölkerungsmehrheit dazu motivieren, einen Neuaufbau im alten Stil überwiegend zugunsten der alten Besitzer zu unternehmen. Man lockte also mit dem Motto: „Wer was leistet, wird auch etwas werden“ und „unseren Kindern soll es einmal besser gehen“.

Nachdem die USA mit der Lüge von Bretton Woods, in der sie sich verpflichteten, für jeweils 35 US-Dollar eine Unze Feingold ohne Mengenbegrenzung zu tauschen (eine Verpflichtung, die Richard Nixon, dann endgültig aufhob, nachdem der Dollar als Leitwährung gefestigt war), ihre führende machtpolitische und ökonomische Rolle trotz ständiger Leistungsbilanzdefizite gesichert hatten und sich neben der alten Wirtschaftselite ein wachsender Anteil eines internationalen Finanzimperiums etabliert hatte, war dies nicht mehr nötig.

 

Stress und Leistungsdruck im 21. Jahrhundert

So traten wir in die heutige Phase ein, in der wir nicht mehr mit einem Aufstiegsversprechen geködert werden müssen. An dessen Stelle ist die Drohung des sozialen Abstiegs getreten, wenn man nicht spurt. Verbunden damit ist ein Lohndumping, bei dem die Hälfte der Bevölkerung real (in Kaufkraft) weniger verdient als vor 40 Jahren und Viele mehrere Jobs zum Überleben benötigen. Andere sind in panischer Angst vor dem sozialen Abstieg. Fast Jeder, der noch nicht in Rente ist, hat berechtigte Angst vor Alters-Armut. Es wird immer noch der alte Spruch „wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen“ verbreitet.

In diesem Sinne wird auch gefordert, „dass derjenige, der sein Leben lang gearbeitet hat, mehr Rente bekommen muss“. Unterschlagen wird hierbei, dass ein steigender Qualifizierungsanspruch sowie die zunehmende Anzahl von Praktika und prekären Beschäftigungen es oftmals verhindert, 35 Jahre Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. Nicht Jeder, der dies nicht schafft, ist ein Faulpelz. Viele werden hierzu in Zukunft nicht in der Lage sein (s.u.)

All dies stellt einen ungeheuren Stress und Leistungsdruck dar, der ständig zu wachsen scheint.

Gleichzeitig steigt die Produktion und es wächst die Erkenntnis, dass der Ressourcenverbrauch und die Umweltzerstörung in eine Katastrophe führen. Immer mehr Menschen ahnen hierbei, dass der mit Stolz plakatierte Titel des „Weltexportmeisters“ ein riesiger Etikettenschwindel ist. In Wirklichkeit bedeutet er, dass ein Großteil des Ergebnisses unserer Arbeit ins Ausland verschenkt wird. Währungskurse werden so manipuliert, dass z.B. der amerikanische Bürger sich seine Maschinengewehre und seinen Mercedes leisten kann. Gleichzeitig bleibt für die Inlandsnachfrage in Deutschland kaum etwas übrig.

Dies führt nicht nur zu den Kaufkraft-Defiziten bei dem deutschen Arbeitnehmer, sondern auch zur Stärkung einiger weniger internationaler Export-orientierter Großunternehmen zu Lasten kleiner Familienunternehmen. Mit der Arbeit in einem Großkonzern, von dem der Arbeitnehmer oft noch nicht einmal weiß, welche Firmen dazugehören und wer an der Spitze der Konzernstruktur steht, empfindet er sich häufig als „kleine Nummer“. Da wir einen Großteil unserer Zeit im Arbeitsleben verbringen, wird der psychische Stress und Leistungsdruck hierdurch sehr verstärkt.

Die Währungsmanipulationen haben unseren Euro im Urlaub zunehmend entwertet. Beispiel: Es gab Zeiten, wo ich im Urlaub für meinen Euro deutlich über 50 Thailändische Baht bekam. In dem Moment, wo ich dies schreibe, kann man froh sein, wenn man auf über 33 Baht kommt. Das schlechte Gewissen bei Fernreisen (klimaschädliches Fliegen) kommt hinzu. So nimmt man uns die Möglichkeit, uns wenigstens zeitweise von diesem wachsenden Stress und Leistungsdruck zu erholen. Wirkungsvoll wird so verhindert, Kulturen kennenzulernen, bei denen viele Dinge anders ablaufen. Kein Wunder, dass wir nicht mehr richtig entspannen können und unser Körper mit Krankheit reagiert.

 

Stress und Leistungsdruck in der Zukunft

Viele sehen der wachsenden Globalisierung und Digitalisierung mit großer Beklemmung entgegen: Unsere Politiker und unsere Medien beruhigen hier mit dem Hinweis, dass frühere technologische Entwicklung zwar immer eine Härte für einige Wenige bedeutet haben, insgesamt aber durch Entwicklung anderer Branchen abgefangen werden können.

Dies gelang allerdings nur, weil es immer noch unerschlossene Märkte gab. Dies wird in der Zukunft nicht der Fall sein: Wir haben nur diese eine Welt und die ist voll erschlossen. Unsere Politiker wollen mit Bildung dagegensteuern und erhöhen so den Stress und Leistungsdruck bereits in der Schule. Tatsächlich wird die zunehmende Möglichkeit, sich auch um Minijobs weltweit bewerben zu können, dazu führen, dass auch Menschen in Extrem-Lohnniedrigländern sich die nötigen Kenntnisse aneignen und dann mit den Menschen in Hochpreisländern konkurrieren. Wer wird diesen Lohnpreiskampf wohl gewinnen (können)? Wenn wir diesen gigantisch zu werden drohenden Stress und Leistungsdruck überstehen wollen, werden wir zu ganz neuen Definitionen von Arbeit und Entgelt kommen müssen.

Bis dahin können wir nur versuchen, unsere Gesundheit trotz dieses Stresses und Leistungsdrucks einigermaßen zu bewahren. Mehr dazu im nächsten Beitrag, vorab jedoch noch ein paar Lese-Empfehlungen:

Sandra Navidi und Nouriel Roubini: Super-hubs: Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren

Kurt Schuler und Andrew Rosenberg: The Bretton Woods Transcripts

Ernst Wolff: Weltmacht IWF: Chronik eines Raubzugs

Ernst Lohmar Geld: Wie die Manipulation des Geldes Freiheit, Wohlstand und Lebensqualität gefährdet sowie das Streben nach Glück vereitelt.

Weiteres Lesenswertes von Richard David Precht

 

Stress und Leistungsdruck vermindern

Wer nicht auf die Entstehung einer neuen stressfreien Wirtschaftsordnung hoffen und warten mag, findet auf unserer Seite zur individuellen Möglichkeit des Abbaus von Stress und Leistungsdruck wichtige Tipps.

 

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